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Heft 141: Flucht - Provokationen und Regulationen

2016 | Inhalt | Editorial | Abstracts | Leseprobe

  • September 2016
  • 170 Seiten
  • EUR 15,00 / SFr
  • ISBN 3-89691-011-0
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Elias Steinhilper
Ausnahme und Regel
Asyl zwischen menschenrechtlichen Ambitionen und realpolitischer Praxis

Fundamentale Widersprüche zwischen normkonformer Rhetorik und realpolitischer Praxis sind nicht erst seit Beginn der sogenannten "Flüchtlingskrise" zu beobachten. Asyl wurde seit jeher an politische Konjunkturen angepasst und verfolgte stets eine Doppelstrategie von In- und Exklusion. In einem kursorischen historischen Überblick und einer Analyse aktueller asylpolitischer Entwicklungen wird argumentiert, dass eine Betonung der dem Asyl inhärenten politischen Funktion der Ausnahme unabdingbar ist, um das unschätzbare, jedoch strukturell begrenzte Potential dieser Norm jenseits ihrer humanitären Semantik zu bewerten und gezielt in den Prozess der Normerosion zu intervenieren.

Ellen Bareis, Thomas Wagner
Flucht als Soziale Praxis
Situationen der Flucht und Soziale Arbeit

Das Thema Flucht wird aus soziologischer und sozialarbeitswissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Insbesondere die Focussierung einer kritischen Analyse der migrations- und gesellschaftspolitischen Verhältnisse im Kontext der aktuellen großen Migrationsbewegungen bezeichnet Flucht als soziale Praxis, als aktiven Umgang mit den Grenzen der Zugehörigkeit und Prozessen sozialer Ausschließung, als eine Arbeit am Sozialen. Dabei stellt sich auch die Frage nach der Rolle der Sozialen Arbeit. Wie stellt sich ihr gesellschaftlicher Auftrag dar? In welchem Verhältnis verortet sie sich zu den Praxen und Situationen der Flucht? Welche Aufgaben übernimmt Soziale Arbeit in diesem Kontext, auf welche Widersprüche und Konfliktfelder stößt sie dabei, und welche Spielräume hat sie, um sich zu positionieren?

Dirk Hauer
"Flüchtlingskrise" und autoritäre Integration
Zu einigen Aspekten der Reorganisation staatlicher Kontrollpolitiken

Ausgehend von der These, dass die Flüchtlingsbewegungen des letzten Jahres zu einer erheblichen Krise der staatlichen Institutionen und Regelungssysteme geführt hat, skizziert der Beitrag die Linien, entlang derer Politik und Verwaltung in Deutschland versuchen, die Kontrolle und die Steuerung der Flüchtlingsbewegungen zu reorganisieren. Schwerpunkt ist dabei die Diskussion einer in sich widersprüchlichen staatlichen Integrationspolitik vor dem Hintergrund der so genannten Flüchtlingskrise.

Sebastian Muy
Wes' Essenspaket ich ausgeb', des' Lied ich sing'?
Über Abhängigkeiten Sozialer Arbeit im Kontext restriktiver Asyl- und Unterbringungspolitik

Die Zahl der Sammelunterkünfte zur Unterbringung von Flüchtlingen ist in den letzten Jahren rasant gestiegen und mit ihr die Zahl der dort tätigen Sozialarbeiter_innen. Das Arbeitsfeld ist durch eine Vielzahl von Widersprüchen und Interessenskonflikten durchzogen, die unter anderem aus der Rolle der Lagerunterbringung für eine Politik der Abschreckung insbesondere gegen 'Asylsuchende mit geringer Bleibeperspektive' resultieren. In diesem Kontext kommt der Sozialen Arbeit entweder die affirmative Rolle der Rückkehrberatung zu, oder sie wird als ergebnisoffene Beratung zum zu kürzenden Störfaktor. Konflikte entstehen auch um die Mitwirkung Sozialarbeitender an Abschiebemaßnahmen. Die Spielräume, in wie weit Soziale Arbeit ihr Mandat unabhängig von den Interessen der Innenbehörden definieren und wahrnehmen kann, werden also durch die Frage ihrer institutionellen Abbindung maßgeblich bestimmt.

Friedel Schütte
Integration oder Inklusion jugendlicher Flüchtlinge via Berufsausbildung?
Arenagespräche ohne Flüchtlinge

Der Beitrag fokussiert die laufenden Maßnahmen zur Integration jugendlicher Flüchtlinge im Feld der Berufsbildung und Berufserziehung. Er stellt sich die Frage, ob die traditionellen, arbeitsmarktpolitischen Integrationskonzepte noch zeitgemäß sind, oder ob nicht vielmehr eine inklusive Berufsbildung die individuellen Karrierewege der betroffenen Jugendlichen befördern würde bzw. sollte.

Laura Graf
Freiwillig im Ausahmezustand
Die ambivalente Rolle ehrenamtlichen Engagements in der Transformation des Asylregimes

Das Ehrenamt in der Flüchtlingsunterstützung wird im staatlichen und medialen Krisennarrativ als Indiz für eine nationalen Notstand herangezogen. Zugleich findet eine intensive staatliche Förderung des Ehrenamts statt, während der Ausbau staatlicher Strukturen zögerlich vorangeht. Dies führt einerseits zur Entprofessionalisierung und Privatisierung Sozialer Arbeit und einer suksessiven Entrechtung der Geflüchteten, andererseits zur staatlichen Verstetigung der Charakteristika einer "Flüchtlingskrise" - und konterkariert die oft emanzipatorischen Motive der Engagierten. Leseprobe

Sabine Jungk
Willkommenskultur: Von neuen Chancen, alten Fehlern und Versäumnissen
Ein Essay

Die Autorin skizziert an ausgewählten Situationen die Chancen für ein Gelingen heutiger Willkommenskultur und warnt vor möglichen Fehlentwicklungen, v.a. vor dem Hintergrund konzeptioneller Erfahrungen im Feld der humanitären Hilfe und Migrationssozialarbeit.

Eva Hollmach
Freiwillig in der Flüchtlingsarbeit
Ein Erfahrungsbericht

In der Öffentlichkeit wird der Begriff "Ehrenamt" nach wie vor verwendet, obwohl er schon seit geraumer Zeit durch die Begriffe "Freiwilligenarbeit" und "bürgerschaftliches Engagement" ersetzt werden sollte. Man wollte damit die traditionelle Zuordnung des Ehrenamtes zur "christlichen Liebestätigkeit" überwinden, die nicht mehr der gesellschaftlichen Wirklichkeit entsprach. Ich werde in meinem Beitrag weitgehend den Begriff Freiwilligenarbeit verwenden, weil er m.E. den heutigen Tatsachen am ehesten gerecht wird. Als Sozialarbeiterin, in der evangelischen Kirche und dem Diakonischen Werk tätig, habe ich in vielen Jahren auch Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen machen können. Seit drei Jahren Rentnerin, bin ich jetzt selbst als Freiwillige in der Flüchtlingsarbeit tätig.

Albert Scherr, Karin Scherschel
Soziale Arbeit mit Flüchtlingen im Spannungsfeld von Nationalstaatlichkeit und Universalismus

Eine grundlegende Herausforderung für die Soziale Arbeit mit Flüchtlingen besteht darin, ihre Funktion, ihre Grenzen und ihre Gestaltungsspielräume im asyl- und flüchtlingspolitischen Kontext zu klären. Denn die der Sozialen Arbeit immanente strukturelle Spannung zwischen dem Anspruch, bedarfsgerechte Hilfen zu erbringen sowie politische und rechtliche Aufgabenzuweisungen umzusetzen, die auf Stabilisierung bestehender Ordnungen und Machtverhältnisse ausgerichtet sind, spitzt sich im Kontext der Flüchtlingssozialarbeit in besonderer Weise zu. Wir werden im Folgenden einige Überlegungen zur normativen Basis und zur Funktion Sozialer Arbeit im Kontext der Asyl- und Flüchtlingspolitik formulieren. In kritischer Auseinandersetzung mit einer Beanspruchung der Menschenrechte als vermeintlich eindeutige Grundlager der Kritik begründen wir daran anschließend die Forderung nach einer gesellschaftspolitischen Positionsbestimmung sowie einer Festlegung verbindlicher professioneller Standards für die Soziale Arbeit mit Flüchtlingen.

Paul Mecheril, Astrid Messerschmidt
Die Sexualisierung der Anderen
Globale Kontexte und Perspektiven solidarischer Bildung

Im Folgenden erörtern wir einige Gesichtspunkte einer rassismuskritischen Argumentation unter dem Eindruck einer überhitzten Öffentlichkeit nach den Ereignissen der Silvesternacht 2015 von "Köln". Die Stadt ist im Zuge der Berichterstattung zu einem Topos für eine angeblich zu durchlässige Migrationspolitik geworden. Im Spiegel wurde Navid Kermani gefragt, ob Köln eine "failed city" sei, womit eine Gleichsetzung der Stadt Köln mit Staaten ohne Gewaltenteilung und Staaten in Bürgerkriegen erfolgt. Dramatisierung der Verhältnisse im Rückgriff auf den Körper affizierende Bilder, Tropen und Topoi sind ein probates Mittel, die Legitimation restriktiver Politik vorzubereiten - genau dies ist nach und im Zuge der "Dämonisierung der Anderen" (Castro Varela/Mecheril 2016) eingetreten.

Christina Thürmer-Rohr
Fremde, Andere, Feinde
Zur Idee des Kosmopolitismus

Die Idee des Kosmopolitismus will auf eine geeinte Menschheit in einer Welt hinaus, die allen eine grenzüberschreitende Heimat geben soll: ein Erziehungsprogramm zur Weltoffenheit und eine bleibende Provokation. Heute werden die Unbekannten wieder zu Verwandten der Angst und die kosmopolitischen Ziele als heillos naiv belächelt. Sie würden alle Fremden in zu respektierende Andere verwandeln und damit reale Feinde verkennen. Müssen wir uns mit universaler Fremdheit anfreunden oder uns auf Feindschaften einlassen, die unsere Zuständigkeit in einer Welt verlangen, deren Entfeindung eine Illusion ist?

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