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Heft 138 : Mobilitäten: Wider den Zwang, sesshaft oder mobil sein zu müssen

2015 | Inhalt | Editorial | Abstracts | Leseprobe

Titelseite Heft 138
  • Dezember 2015
  • 144 Seiten
  • EUR 15,00 / SFr
  • ISBN 3-89691-998-4
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Zu diesem Heft

Obwohl die gesellschafts- und migrationspolitische Konstellation, die gegenwärtig als sogenannte "Flüchtlingskrise" den öffentlichen Diskurs bestimmt, sich keineswegs überraschend konfigurierte, haben auch wir in der Widersprüche Redaktion nicht vorhergesehen, welche aktuelle Brisanz unser Heft zu Mobilitäten erhalten würde. Entstanden ist die Idee zu diesem Heft im Zusammenhang mit der Arbeit zu unserem Heft 135 zum Thema "Sozialraum ist die Antwort. Was war nochmals die Frage?". Im Editorial dieses Heftes hatten wir darauf verwiesen, dass nicht wenige in Auseinandersetzung mit dem "Spannungsverhältnis zwischen Auflösung und Wiederkehr des Raumes" (Bachmann-Medick 2006: 288) einen wissenschaftsgeschichtlich dem sogenannten "cultural turn" folgenden qualitativen Sprung hin zu einem "spatial turn" konstatieren.

Zwar folgt ein Großteil sozialwissenschaftlicher Forschung bis hinein in die jüngste Vergangenheit relativ a-mobilen Leitsätzen. Schon vor den durch die täglichen TV-Nachrichten in die Haushalte getragenen Bildern von Flüchtlingsströmen hat sich dies jedoch - herausgefordert durch diverse "Ströme" von Menschen, Gütern und Daten - in den letzten Jahren zu verändern begonnen. So konstatieren John Urry, Kevin Hannam und Mimi Sheller (2006) für das 21. Jahrhundert ein "new mobilities paradigm". Vor dem Hintergrund, dass ein "turn" in der Wissenschaftsgeschichte dadurch gekennzeichnet ist, dass "der Forschungsfokus von der Gegenstandsebene neuartiger Untersuchungsfelder auf die Ebene von Analysekategorien und Konzepten 'um-schlägt', [...] er also nicht mehr nur neue Erkenntnisobjekte ausweist, sondern selbst zum Erkenntnismittel und -medium wird" (Bachmann-Medick 2006: 26), sehen mehrere Autor*innen (neben Bachmann-Medick; Cresswell 2006; Urry 2009; Lenz 2010) nun sich bereits einen "mobility turn" ankündigen in Folge des "spatial" sowie "postcolonial turn".

Weiterhin haben wir im Editorial unseres Sozialraum-Heftes den "Methodologischen Nationalismus" kritisiert, der sowohl die Gesellschaftstheorie, wie auch die soziologische Ungleichheitsforschung des 20. Jahrhunderts geprägt hat. In unserem Fokus stand dabei, dass diese sozialwissenschaftlichen Disziplinen dessen räumliche Dimension - vor allem in ihren Beschränkungen - gerade nicht systematisch reflektieren. So werden sowohl die Gesellschaftstheorie wie auch die Theorie sozialer Ungleichheiten des 21. Jahrhunderts durch die verschiedenen, miteinander verflochtenen Arten globaler Ströme ("global flows") herausgefordert, wie stark auch immer sie sich dabei an den Diskurs um ein "new mobilities paradigm" oder gar einen "mobility turn" orientieren.

Jenseits dieser wissenschaftsgeschichtlichen Diskussion um ein neues, auf Mobilitäten bezogenes Paradigma oder eines sich ankündigenden "mobility turn" wird das, was Mobilität für den einzelnen Menschen jeweils konkret bedeutet - ebenso wie die Bedeutung von Sesshaftigkeit - wie eh und je weitgehend von den ökonomischen, kulturellen und politischen Verhältnissen bestimmt. Die politische Brisanz dieser beiden Lebensweisen oder häufig auch -zumutungen in den historischen bzw. zeithistorischen Epochen erweist sich aber als sehr unterschiedlich. Gegenwärtig ist sie weltweit so stark wie nicht mehr seit dem Ende des 2. Weltkriegs vor 70 Jahren.

Auch in der Sozialen Arbeit wurde die Auseinandersetzung um Mobilität und Sesshaftigkeit immer wieder mit Heftigkeit geführt: Die Debatten um das "Wanderer-Unwesen" in der Weimarer Republik und in der frühen Bundesrepublik - Hass und Verfolgung gegenüber allen Formen des "umherschweifenden Lebens" im nationalsozialistischen Deutschland - die jüngeren Konflikte um die "Trebegänger*innen" der siebziger Jahre - die "Straßenkinder" der Neunziger - die nicht endenden Debatten um die Notwendigkeit "geschlossener Unterbringung" - die "unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge", die gerade wieder angesichts der Flüchtlingsströme nach Deutschland sehr stark in den Blick geraten - sowie die unselige Diskussion um die "Sozialschmarotzer" aus den "Balkanstaaten". All diese Themen weisen darauf hin, dass der Sozialen Arbeit ordnungspolitische Funktionen zugeschrieben werden, denen gegenüber sich kritische Professionelle in Theorie und Praxis positionieren müssen.

Die Beiträge in diesem Heft reflektieren nicht nur das widersprüchliche Verhältnis von Mobilität und Sesshaftigkeit. Sie versuchen auch, die Dialektik von Herrschaft und Emanzipation dieser "Lebensformen" zu ergründen, die von extremem Zwang und von Versuchen, selbstbestimmt zu leben, gekennzeichnet ist.

Zu den Beiträgen im Einzelnen

Nicht allein aus Aktualitätsgründen wird der Themenschwerpunkt mit einem Beitrag von Vassilis S. Tsianosy und Bernd Kaspareky "Zur Krise des europäischen Grenzregimes: eine regimetheoretische Annährung" eröffnet. So geht der Beitrag weit über eine fundierte Analyse der Hintergründe jener politischen Konflikte der Regulierung transnationaler Mobilitäten hinaus, die "unter dem Stichwort Flüchtlingskrise in Europa in die Geschichte eingehen" wird. Er liefert darüber hinaus eine gleichermaßen umfassende wie kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen Ansätzen zur Füllung des Regimebegriffes, um diese in einem anspruchsvollen Begriff von "Migrationsregime" zu synthetisieren.

Im anschließenden Beitrag "Migration zwischen Weltläufigkeit und Ortsansässigkeit" greift Malte Ebner von Eschenbachy in seinem sozialtheoretisch breit angelegten "Reflexionen zu Mobilität und Immobilität in der Migrationsforschung" unter anderem auch diesen Begriff des Migrationsregimes auf. In diesen problematisiert er nicht nur "Sesshaftigkeit und Immobilität als Konstitutiva für die gegenwärtige Migrationslage". Darüber hinaus richtet sich seine Kritik "ausdrücklich gegen die kolonisierende Eingrenzung des existentiellen Bewegungsraums und verlangt eine auf Menschenrechtsbestimmungen basierende Anerkennung der migratorischen Lebensform".

Unter der Überschrift "Nomaden der Migration" weitet Manfred Liebely dann die Perspektive über die europäische Diskussion transnationaler Mobilitäten hinaus im Hinblick auf "Jugendliche und Jugendkulturen an den Grenzen Mittel- und Nordamerikas". Zwar folgt der Autor nicht explizit dem von Tsianos und Kasparek entfalteten Ansatz "ethnographischer Grenzregimeanalyse" zur Überwindung des in den Sozialwissenschaften bekannten "Schisma zwischen machtunkritischem Empirismus und diskursanalytischer Ersatzempirie". Auch in Liebels Ethnographie unterschiedlicher jugendkultureller Verarbeitungsformen transnationaler Mobilitäten zwischen Mittel- und Nordamerika gewinnt jedoch die von Tsianos/Kasparek geforderte "praxeologische Analyse der Ko-Produktion von Migrationsverhältnisse[n] als umkämpfte[n] Kontrollzonen der Mobilität" konkret an Gestalt.

Mit seinem, den Widersprüchen als Vorabdruck aus dem im Erscheinen befindlichen "Praxishandbuch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" zur Verfügung gestellten Beitrag "Jugendhilfepolitische Entwicklungsperspektiven" lenkt Norbert Strucky den Blick zurück nach Deutschland. Er zeichnet darin die aktuell drohende Widerkehr des Verdrängten im Umgang der bundesdeutschen Jugendhilfe mit dieser Zielgruppe nach und klagt die Gültigkeit von Standards der Jugendhilfe auch für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ein.

Noch weiter in die deutsche Vergangenheit zurück reicht der Horizont des Beitrages von Manfred Kappelery. Er zeigt, dass das Denken und die Praxis der Klassifizierung der armen Menschen entlang der Linie von Sesshaftigkeit und Mobilität schon die Anfänge der städtischen Armenpflege im 14./15. Jahrhundert bestimmte. Kappeler beschreibt die Entwicklung der ordnungspolitischen /armenpolizeilichen Funktionen der Sozialen Arbeit von den "Bettelordnungen" früherer Jahrhunderte bis hin zu den Anfängen der modernen Sozialen Arbeit in der Wohlfahrtspflege der Weimarer Republik. Die Herausbildung der zur Klassifizierung von Menschen als der Hilfe/Unterstützung "Würdige" bzw. "Unwürdige" benötigte Sprache der Diskriminierung bildet einen Schwerpunkt seiner Untersuchung. In diesem Heft erscheint der erste Teil seines Beitrags. Der zweite Teil wird, mit dem Akzent auf der Entwicklung des Präventionsparadigmas in der Sozialen Arbeit, in Heft 139 veröffentlicht.

Den Bogen zurück zu den theoretischen Überlegungen der beiden Eingangsbeiträge schlägt Michael May mit seinen den Themenschwerpunkt abschließenden gesellschaftstheoretischen Überlegungen "Mobilität als Herausforderung an Gesellschaftstheorie: Eine kritische Bilanz des Diskurses". Vor dem Hintergrund von Ulrich Becks Unterscheidung einer kosmopolitischen von einer universalistischen Soziologie, diskutiert Michael May neben der Theorien des Weltsystems sowie systemtheoretischen Weltgesellschaftstheorien, transnationalistische Theorieentwürfe und die Theorie der Netzwerkgesellschaft sowie das neue, relationale Mobilitäts-Paradigma. Im Hinblick auf gesellschaftstheoretisch fundierte Analysen der mit Mobilitäten und Mobilisierungen verbundenen oder von ihnen tangierten Vergesellschaftungsweisen (auch der bisher örtlich Verwurzelten) plädiert er mit einem historisch konkreten Begriff von (kapitalistischer) Vergesellschaftung zu operieren und neben den hegemonialen auch gegenhegemoniale Ansätze von Vergesellschaftung mit in den Blick zu nehmen.

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