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Heft 135: Sozialraum ist die Antwort - Was war nochmals die Frage?

2015 | Inhalt | Editorial | Abstracts | Leseprobe

Titelseite Heft 135
  • März 2015
  • 144 Seiten
  • EUR 15,00 / SFr
  • ISBN 3-89691-995-4
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Von einem 'turn' wird in der Wissenschaftsgeschichte üblicherweise erst dann gesprochen, "wenn der neue Forschungsfokus von der Gegenstandsebene neuartiger Untersuchungsfelder auf die Ebene von Analysekategorien und Konzepten 'umschlägt', wenn er also nicht mehr nur neue Erkenntnisobjekte ausweist, sondern selbst zum Erkenntnismittel und -medium wird" (Bachmann-Medick 2006: 26). In Auseinandersetzung mit dem "Spannungsverhältnis zwischen Auflösung und Wiederkehr des Raumes" (ebd.: 288) wurde in den 1990er und frühen 200er Jahren ein qualitativer Sprung hin zu einem "spatial turn" diagnostiziert, indem in vielen Wissenschaftsdisziplinen "das Denken selbst raumbezogen wird und in ein methodisches Verfahren der Spatialisierung" (ebd.: 303) übergeht. Dieser "spatial turn" in den Gesellschafts-, Sozial- und Kulturwissenschaften scheint inzwischen vollzogen.

Der Raum ist also die Antwort. Doch was war nochmals die Frage? Dieser Frage an den spatial turn insgesamt stellen sich die Beiträge im vorliegenden Widersprüche-Schwerpunkt mit Blick auf sozialräumliche Aspekte: Auf welche Fragen verheißen sozialraumbezogene Analysen und Begriffsbildungen eine Antwort? Anlass für diese Vergewisserung ist der Sachverhalt, dass in unterschiedlichen Forschungs- (z.B. Sozialpädagogik, Stadtsoziologie oder Geografie) wie Handlungsfeldern (z.B. Kinder- und Jugendhilfe, Stadtplanung oder Architektur), aber auch innerhalb dieser Felder, unter der angeblichen gleichen Antwort - "Sozialraum" - ganz unterschiedliche Fragen bearbeitet werden - und damit verbundene Interessen bedient werden.

So konnte trotz all der Rede von einem "spatial turn" die disziplinäre Arbeitsteilung, wonach sich in bestimmten Denktraditionen in der Soziologie einerseits und in der Humangeographie andererseits Tendenzen herausgebildet haben, die den Gegenstand der eigenen Wissenschaftsdisziplin durch den isolierenden Bezug der Beschäftigung entweder mit dem Sozialen (Soziologie) oder mit dem Räumlichen (Humangeographie) zu profilieren versucht haben, nicht gänzlich überwunden werden. Dominiert in dieser Weise die Frage nach dem Sozialen das Erkenntnisinteresse, bleibt bei der Antwort "Sozialraum" immer wieder die räumliche Dimension unterbestimmt, wie umgekehrt bei einer stark räumlich ausgerichteten Fragestellung die soziale Dimension tendenziell unterbelichtet bleibt.

Beispielhaft für Letzteres "zielte die traditionelle Geographie bis in die 1960er Jahre auf die Identifizierung und Beschreibung von Räumen, die als gegebene, wesenhafte Ganzheiten gedacht wurden. Aufgebrochen wurde dieses Paradigma im Kontext der quantitativen Revolution mit der Hinwendung zu raumwissenschaftlichen Ansätzen" (Glasze/Mattissek 2009: 39). Trotz ihres Anspruches, "Gesetzmäßigkeiten der räumlichen Organisation gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen heraus[zu]arbeiten" (ebd.: 40) tendier(t)en jedoch auch diese raumwissenschaftlich orientierten Arbeiten - selbst wenn sie sich auf Begriffe wie Sozialraum oder vergleichbare stützten - "vielfach dazu, die Räume zu verdinglichen, die sie selbst auf der Basis der quantitativen Sozialforschung konstruiert haben" (ebd.). Und gerade solche disziplinären Ansätze stellen bis heute ganz zentral die analytische Basis für Konzepte der Sozialraumorientierung in den Handlungsfeldern von Sozialplanung, Sozialadministration oder Sozialer Arbeit da. Bearbeitet werden hier aber teilweise sehr unterschiedliche Fragen, wie die Schwerpunktbeiträge unseres Heftes verdeutlichen.

Richtungsweisend für forscherischere Ansätze der Klassifizierung von Gebietseinheiten wurde für die Bildungs- und Sozialplanung der Bundesrepublik das "Soziotopen"-Konzept der Gruppe um Tino Bargel. Auf der Basis solcher Merkmale der amtlichen Statistik - wie z.B. Berufsstruktur, Bildungsstand der erwachsenen Bevölkerung, Verteilung der Heranwachsenden auf Schularten, Ausländeranteil (vgl. Kuthe et al. 1979: 41-55) - hat diese acht Typen städtischer, sowie sechs Typen ländlicher "Soziotope" als "abgrenzbare sozial-ökologische Einheiten" (ebd.: 29) herausdestilliert, "in denen jeweils spezifische Bündel von Faktoren jeweils andersartige Grundmuster sozialer Situationen und Probleme erzeugen" (ebd.) würden. Mit ihrem "Soziotopen"-Konzept versuchten sie also eine statistisch faktorenanalytische Antwort zu geben auf die Frage nach idealtypisch in ihren sozialisatorischen Qualitäten zu unterscheidenden sozial-ökologischen Räumen.

Indem sie aber den von ihnen interferenzstatistisch ermittelten "Soziotopen" unterschiedliche sozialisatorische Qualität zusprechen, unterstellen sie in einem ökologischen Fehlschluss Kompositionseffekte solch bestimmter Faktorenbündel von Variablen als Wirkungen dieses Gebietes im Sinne eines Kontexteffektes (vgl. Häußermann 2007). Empirisch lassen sich Kontexteffekte jedoch nur durch den Umkehrschluss eines "durch sozioökonomische Faktoren nicht erklärbaren Rest von Varianz" (ebd.: 236 f.) bestimmen. Und selbst dann ist noch nicht klar, wie ein gebietsspezifischer, sozialökologischer "´Kontext` tatsächlich wirkt und welche Mechanismen dabei am Werk sind [...]. Dazu bedarf es plausibler Theorien und auch genauerer Analysen mit qualitativen Methoden" (ebd.: 235).

Solche Theorien und Analysen wurden schon durch die Sozialökologie der Chicagoer Schule zu entwickeln versucht. Ihr Begriff von Sozialraum als "Habitat" bzw. "homogenes Gebiet" war von ihr als Antwort auf die Frage nach der wohlgeordneten und wechselseitig vorteilhaften Balance unterschiedlicher soziokultureller Bevölkerungsgruppen konzipiert in Übertragung des Symbiose-Konzeptes der Ökologie auch für den "Organismus" Stadt. Eine solche "Untersuchung von Entwicklung und Form der Gesellschaftsstruktur, wie sie unter den verschiedenen Umweltbedingungen anzutreffen ist" (Hawley 1974: 122), übersieht jedoch, dass diese "Umweltbedingungen" immer schon Produkt gesellschaftlicher Praxen und Konflikte sind. Vor dem Hintergrund, dass so "die spezifischen Formen städtischer Milieus [...] als gesellschaftliche Produkte verstanden werden" (Castells 1977: 107) müssen, hat Manuel Castells dann auch schon in den 1970er Jahren gefordert, "die Verbindung Raum-Gesellschaft" (ebd.) zu einer Forschungsfrage zu erheben, anstatt aus ihr - im Sinne: 'Sozialraum ist die Antwort' - "einen Angelpunkt für die Interpretation der Unterschiede im sozialen Leben zu machen" (ebd.: 107).

Wenn Castells vor diesem Hintergrund grundsätzlich in Frage stellt, "ob es Wohnsiedlungen gibt, die unter ökologischen Gesichtspunkten derart fest umrissen sind, daß sie eine Aufteilung der Siedlung in Untereinheiten mit wirklich spezifischer Eigenart zulassen" (1977: 96), dann trifft diese Kritik auch nimmer müde Forderungen nach einer "klugen Zuschneidung" (Hinte 2005: 549) administrativer Steuerungs- und Planungsräume. Derartige Forderungentappen regelmäßig in die Falle ökologischer Fehlschlüsse, weil z.B. ein Stadtteil zur Maßstabsgröße einer scheinbar einheitlichen Bevölkerungseinheit wird (z.B. Kategorisierung als 'benachteiligte Stadtteile').

Begründete und nicht nur programmatische Varianten des Sozialraumbezugs argumentieren in diesem Kontext stattdessen für eine handlungstheoretische Bestimmung von Sozialräumen: So argumentiert Christian Reutlinger (2007: 104) für das Feld der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Sozialen Arbeit insgesamt, der soziale Raum solle "von den Konstitutionsleistungen bzw. Handlungen des dynamischen Subjekts her (aufgeschlossen werden)". Das mache aber auch eine Erweiterung soziologischer und raumsoziologischer Diskussionen notwendig. Zwar werde in soziologischen Diskussionen in jüngerer Zeit an der Erkenntnis angesetzt, dass alle Räume soziale - weil von Menschen konstituierte - Räume seien. Das geschehe aber "ohne (...) der Frage der Qualität bzw. der Frage der Entwicklung nachzugehen" (ebd.: 103). Allerdings wäre zu klären, wie Reutlingers - mit Hilfe von "Bewältigungskarten" erhobener - Sozialraum, ebenso wie Martina Löws (2001) raumtheoretischer Begriff von "Syntheseleistung" eine wahrnehmungsgeographische Verkürzung vermeiden kann. Als entscheidend erweist sich insgesamt die Dimension der widersprüchlichen und konflikthaften gesellschaftlichen Produktionsprozesse sozialer Räume und ihres Verhältnis zu anderen gesellschaftlichen Produktionsprozessen, wie sie neben Castells nicht zuletzt Henri Lefebvre schon seit den 1970er Jahren verfolgt hat.

Raumdimensionen systematisch in die Gesellschaftsanalyse zu integrieren, ist jedoch auch von soziologischer Seite bisher nur bedingt realisiert worden. Zwar gründete die "sozialwissenschaftliche Theoriebildung im 20. Jahrhundert" (Pries 2010: 150) auf einem Begriff von Gesellschaften, mit dem diese "mehrheitlich als nationalstaatlich in jeweils zusammenhängende Territorien eingefasste und relativ dichte und dauerhafte Sozialverbände konzipiert" (ebd.: 151) wurden. Und im Unterschied zu den Klassikern der Soziologie, wie Marx und Weber, prägte dieser "methodologische Nationalismus" - wie Ulrich Beck (2008) in seinem Eröffnungsvortrag zum Soziologentag 2008 kritisch hervorhob - auch die Ungleichheitsforschung des 20. Jahrhunderts. Allerdings wurde dessen räumliche Dimension - vor allem in ihren Beschränkungen - gerade nicht systematisch reflektiert.

Ohne Zweifel hat Pierre Bourdieu der Ungleichheitsforschung und Gesellschaftstheorie - nicht zuletzt in Überwindung jenes "methodologischen Nationalismus" - bedeutende Anstöße gegeben und dabei einen ganz neuen Begriff des "sozialen Raumes" geprägt. Als Antwort auf die Frage nach der Hierarchisierung soziokultureller Unterschiede in einer Gesellschaft und deren Gründen, konstruiert er rein epistemologisch den "sozialen Raum" auf einem gedachten Tableau quasi topologisch als relationale Anordnung von Menschen und Gruppen entsprechend des Volumens und der jeweiligen Kombination verschiedener von ihm heuristisch unterschiedenen Kapitalarten. Bourdieu sieht aufgrund entsprechender Verteilungs- und Kombinationsmuster der Kapitalsorten - vor allem des kulturellen und sozialen Kapitals - auch territoriale Konzentrationen von Menschen ähnlicher "Lebensstile" entstehen. Bourdieu geht in diesem Zusammenhang davon aus, dass ein spezifischer, sich auch in einer "körperlichen Seinsweise" niederschlagender Habitus als "System dauerhafter Dispositionen" (1979: 143) von entsprechenden Wahrnehmungs-, Beurteilungs- und Handlungsmustern auch entsprechende "Habitate" als ebenso spezifisch geprägte kulturell und sozial geschlossene Wohnquartiere hervorbringe (vgl. 1991: 32). Umgekehrt könnten nur auf der Grundlage dessen, dass unterschiedliche Existenzbedingungen auch unterschiedliche Formen des Habitus hervorbrächten, die von einem bestimmten Habitus erzeugten Praxisformen sich als Ausdruck jener Unterschiede erweisen, die - "von den Akteuren mit den erforderlichen Wahrnehmungs- und Beurteilungsschemata zum Erkennen, Interpretieren und Bewerten der relevanten Merkmale wahrgenommen" (1982: 279) - dann als "Lebensstile" fungierten und sich auch in entsprechenden "Habitaten" Ausdruck verliehen. Physische Orte als verobjektivierter sozialer Raum versucht er so als Ergebnis des Verteilungskampfes unterschiedlicher Akteure mit unterschiedlichen Chancen der Aneignung zu analysieren.

Der als Habitat physisch verobjektivierte soziale Raum fungiert so für Bourdieu als Antwort auf die Frage, wie die für einen spezifischen soziokulturellen und sozialräumlichen Kontext konstitutiven Strukturen einen bestimmten Habitus erzeugen, so dass die vom Habitus hervorgebrachten Praxisformen und Praktiken durch die vergangenen Bedingungen, auf die sich diese richteten, dann in der Weise determiniert werden, dass sie die Tendenz aufweisen, die objektiven Bedingungen, deren Produkt sie in letzter Konsequenz sind, auch sozialräumlich zu reproduzieren. Zwar unterscheidet sich die dialektische Ausrichtung der Frage deutlich von jener der Chicago School nach der wohlgeordneten und wechselseitig vorteilhaften Balance unterschiedlicher soziokultureller Bevölkerungsgruppen. Ähnlich wie dem Habitat-Begriff der Chicago-School weist jedoch auch Bourdieus Entsprechung zwischen Habitus und Habitat ein gewisser Funktionalismus auf.

Dass ein funktionalistischer Zugang auch gänzlich ohne räumliche Dimension auskommen kann, zeigt in kaum zu übertreffender Weise die Luhmann'sche Systemtheorie, in der "alles Materielle und Räumliche" - wie Ludger Pries (2006: 25) etwas polemisch vermerkt - geradezu "per definitionem aus dem soziologischen Fokus" (ebd.) herauszufallen scheinen. Luhmann könne "den Gesellschaftsbegriff in seinen flächenextensionalen Aspekten nur so weit (auf den gesamten Globus) ausdehnen, weil er ihn gleichzeitig inhaltlich extrem stark einschränkt, nämlich auf 'alle Kommunikationen'" (Pries 2010: 151). Offensichtlich benötigen Luhmanns Fragen nach sozialer Evolution wie gesellschaftlicher Funktionszusammenhänge keine sozialräumliche Antwort.

Während auch in anderen Gesellschaftsdiagnosen und -theorien, die sehr stark auf Prozesse der Enträumlichung im Zuge von Globalisierung und digitaler Virtualisierung abheben, sich die Raumdimension des Sozialen gleichsam zu verflüchtigen scheint, deuten sich in Begriffen wie Transnationalismus (vgl. Pries 2010), Glocalisation (vgl. Robertson 1998) oder Politics of Scale (vgl. Wissen/Röttger/Heeg 2008) andere paradigmatische Weiterentwicklungen der Antwort auf die Frage des Verhältnisses von Räumlichem und Sozialem an. Diesen zufolge verliert das Räumliche durch Globalisierung nicht seine Bedeutung.

So bleibt auch unter transnationalistischer Perspektive im Blick, dass sich Subjekte "immer noch in einer konkreten Umwelt verorten" (Lutz/Schwalgin 2006: 100f.) müssen und sich "weiterhin in einem Feld heteronomer Möglichkeitsräume" (ebd.) bewegen, wo ihre Handlungsfähigkeit multiple Begrenzungen unterliegen "durch an einem jeweils spezifischen Ort wirksame Regelungen, etwa von Einreise- oder Zulassungsbegrenzungen, (institutionellen) Rassismen etc., sowie von individuellen und kollektiven Differenzfaktoren (Gender, Ethnizität, Klasse, Nationalität etc.)" (ebd.). Allerdings gründet der Transnationalismus - wie Pries (vgl. 2003: 27) betont - auf einer "relativen Raumvorstellung" (ebd.) von einem "pluri-lokalen transnationalen Sozialraum" (ebd.). "Als relativ dichtes und dauerhaftes relationales Anordnungsgefüge von alltagsweltlichen sozialen Praktiken sowie von ihn konstituierenden spezifische Symbolsystemen und Artefaktestrukturen" (ebd.) verteile sich dieser auf "mehrere (geographisch-physische) Flächenräume in unterschiedlichen 'Container-Gesellschaften'" (ebd.).

Über die im Transnationalismus im Vordergrund stehende Frage der Organisation von Migration durch die Betroffenen hinaus, auf die der vor allem von Pries vorgeschlagene Sozialraumbegriff eine Antwort versucht, stellt die Glocalisation-Perspektive "die Beziehungen zwischen an bestimmte locales als Orte oder Plätze gebundenen Ereignissen, Ursachen oder Folgewirkungen einerseits und globalen, omnipräsenten Ereignissen, Ursachen oder Folgewirkungen andererseits in den Mittelpunkt der Betrachtung" (Pries 2003: 24). Daran anschließend wird unter der Perspektive "politics of scale" das dialektische Zusammenspiel zwischen jenem dem Kapitalismus eigenen Streben nach "Raum-Zeit-Kompression" (Harvey 1994) und der andauernden (Re-)Produktion von relativ dauerhaften, unbeweglichen räumlichen Konfigurationen und Regulationen analysiert. Globalisierung wird dabei "als Reterritorialisierung sowohl sozio-ökonomischer als auch politisch-institutioneller Räume verstanden, die sich gleichzeitig auf mehreren, sich gegenseitig überlappenden geographischen Ebenen (scales) entfaltet" (Brenner 1997: 8). Deren Verhältnis muss "gleichermaßen als Voraussetzung, Medium und Ergebnis dieses in hohem Maße widersprüchlichen globalen Neuordnungsprozesses" (Brenner 1997: 8) analysiert werden, in dem sich die Beziehungen und Gewichtungen zwischen den verschiedenen Ebenen politischer und wirtschaftlicher Organisation (lokal, regional, national, makro-regional, global) verändern.

Röttger/Wissen zufolge dominiert dabei "die Logik des Standortes [...] zunehmend die Logik der sozialen Dimension des lokalen Staates und gewinnt in der dramatischen Zunahme sozialräumlicher Polarisierungen Gestalt, die zugleich herrschaftlich für die Durchsetzung neuer Regulationsprozesse verwendet werden" (2005: 220). Entsprechend entpuppten sich auch die praktizierten Formen von Governance mehr und mehr "als eine neue Qualität der Entstaatlichung/Ökonomisierung" (ebd.: 212) in "Abkehr von partizipationsorientierten und demokratisch legitimierten Prozessen der Lokalisierung/Regionalisierung" (ebd.). Auf diese Weise sehen sie sich zwei Dynamiken überlagern: "zum einen Veränderungen in den Beziehungen von Staat, Ökonomie und Gesellschaft, die neue Formen lokaler/regionaler Governance, neue Formen politischer Repräsentation sowie neuartige Identifikationsangebote generieren; zum anderen Veränderungen in den Beziehungen und Gewichtungen zwischen den verschiedenen Ebenen politischer und wirtschaftlicher Organisation und der auf ihn handelnden Akteure [...], durch die soziale Konflikte und Kompromisse strategisch selektiert werden" (ebd.).

Unter der regulationstheoretisch inspirierten Perspektive "politics of scale" kann so neben der "räumliche[n] Restrukturierung von Politik und politischer Auseinandersetzung innerhalb des Territorialstaates selbst" (Brenner 1997: 22), auch "die konflikthafte Konstruktion räumlicher Hierarchien und deren strukturierende Wirkung auf soziales Handeln" (Röttger/Wissen 2005: 219) in den Blick genommen werden. Ja, es lassen sich bezüglich solcher "Konstruktionen" dann unter politischer Perspektive auch Überlegungen anstellen, "inwieweit gesellschaftliche Widersprüche erfolgreich bearbeitet werden könnten bzw. inwieweit es subalternen Akteuren gelinge, diese Widersprüche zu politisieren und bestehende Machtverhältnisse herauszufordern" (ebd.). Konkret analysiert wurden bisher jedoch vor allem "das sich dynamisch verändernde Artikulationsverhältnis von Ökonomie, Politik und Zivilgesellschaft, ihre jeweiligen Akteurskonstellationen und Bündnisse" (ebd.: 220) im Hinblick darauf, "wer auf welcher Maßstabsebene was reguliert" (ebd.: 218). In regulationstheoretischer Tradition konzentrierten sich die Untersuchungen dabei sehr stark auf Prozesse und Strategien der Konstitution eines hegemonialen Machtblockes. In der analytischen Terminologie von Henri Lefebvres Theorie der Raumproduktion konzentrieren sie sich damit auf die Ebene der "Repräsentation des Raumes" (1991) als den herrschenden Raum in einer Gesellschaft bzw. einer Produktionsweise und seiner "Iso-Topien" (vgl. Lefebvre 2003: 44), die als "homologe[] oder analoge[] Ort[e]" (ebd.: 45) "an Hand von Bildern und Stadtplänen mehr oder weniger gut lesbar" (ebd.: 44) sind. Kaum in den Blick genommen wurden hingegen gegenhegemoniale Raumproduktionen als - in Lefebvres Terminologie - Ansätze, sich "Räume der Repräsentation" der eigenen Lebenserfahrung und Interessen in den "contrasting places" (1991: 63) von "Hetero-Topien" (2003: 44) zu schaffen, die sich konflikthaft zuspitzen können, "sofern man sich auf die Menschen bezieht, die den Ort besetzt haben" (ebd.: 45).

Gleiches gilt auch für die Rezeption Diskurs- und Machtanalytischer Perspektiven (vgl. Belina/Dzudzek 2009) im sozialwissenschaftlichen Diskurs um Raum und Gesellschaft. Zwar operiert auch Foucault (1993) mit einem Begriff von Hetero-Topie. Dieser ist aber bei ihm als En- bzw. Exklave, in der eine Gesellschaft ihr Anderes ein- bzw. ausschließt, etwas anders als der von Lefebvre akzentuiert. Lefebvre (1991: 4) hat an Foucault nicht nur kritisiert, dass in seinen Arbeiten unklar bliebe, wie er die Kluft zwischen theoretisch- epistemologischen und dem praktischen Raum überbrücke. Seine Raumtheorie tendiere darüber hinaus zu einer entsubjektivierenden Re- Etablierung eines geschlossenen Raumes. Deshalb hat Lefebvre (ebd.: 163ff.; 2003: 44ff.) angemahnt, neben "Iso-" und "Hetero-Topien" auch "U-Topien" als "objektive" raumbezogene Möglichkeiten zu fokussieren, um in einer - die ursprünglich griechische Wortbedeutung als "Hebammenkunst" sozial transformierenden - "mäeutischen" Hervorbringungsarbeit in der Alltäglichkeit "anwesende" Eigenschaften und Vermögen, die durch (intersektionale) Blockierungen vielfältigster Art in deren Wirklichkeit zugleich in dem Sinne "abwesend" sind, dass sie sich darin bisher nicht angemessen verwirklichen können, vermittels entsprechender Raumproduktionen zur Geltung zu bringen. Damit hat ein solch "U-Topische[s] [...] nichts mit dem imaginären Abstrakten gemein [...]. Es ist wirklich. Es ist im Herzen dieses Wirklichen, es ist die urbane Wirklichkeit, die selber nicht ohne dieses Ferment besteht" (ebd.: 45).

Mit seiner These, dass "sozialpädagogisches Denken in pragmatischer Absicht" (1988: 278) generell mit der Frage beginne, "wie ein Ort beschaffen sein muß, damit ein Subjekt an ihm leben und sich entwickeln kann, damit er auch als Lebensbedingung vom Subjekt kontrolliert wird" (ebd.: 278f.), ist Michael Winklers Theorie der Sozialpädagogik daran unmittelbar anschlussfähig. Die durch ein derart motiviertes "sozialpädagogisches Ortshandeln" geschaffenen Sozialräume stellen damit die im Sinne Lefebvres "U-Topische" praktische Antwort auf diese Frage da. Zwar ist der historischen Rekonstruktion Winklers zufolge die Geschichte der Sozialpädagogik als Disziplin und Profession in dieser Weise von Beginn an zumindest implizit in ihrem "Denken selbst raumbezogen" (Bachmann-Medick 2006: 303) und durch "ein methodisches Verfahren der Spatialisierung" (ebd.) geprägt, wie es dann ein Viertel Jahrtausend später zu einem Kriterium eines "spatial turn" herangezogen wird. Der Wirklichkeit sozialpädagogischer Orte ist jedoch in dieser Geschichte, wie der Gegenwart, häufig wenig "U-Topisches" im Sinne Lefebvres eigen gewesen. Vielmehr muss sie als Hetero-Topie häufig wohl eher im Sinne Foucaults, aber zumindest zum Teil auch im Lefebvres Widersprüche fokussierendem Verständnis von "Hetero-Topien" analysiert werden. Doch wenn es gelingt, den "aufgeklärten" Gehalt von Sozialpädagogik in all seinen "Bestimmungen und Momenten" (ebd.: 51) zur Geltung zu bringen, vermögen solche sozialpädagogischen Orte sogar "u-topische" Dimensionen im Sinne Lefebvres zu verwirklichen.

Winkler hat zugleich einen (selbst-)kritischen Maßstab geliefert, ob es sich bei den entsprechenden pädagogischen Orten um "Hetero-" oder sogar "U-Topien" im Sinne Lefebvres handelt, oder aber um "Hetero-Tope" im Sinne Foucaults. Solche Differenzierungen könnten auch hilfreich sein, um die im Sinne einer sozialpädagogischen Professionalisierung durchaus verständliche Interessengeleitetheit von Raumbezügen sozialpädagogischer Fachkräfte (vgl. z.B. Landhäuser 2009: Kap. 4.1.1) kritisch zu bearbeiten. Auch Fachkräfte nutzen "Raumbezüge auf der territorialen Ebene überwiegend dazu, die Probleme ihrer AdressatInnen zu beschreiben" (ebd.: 105), wobei sie zum Teil auch auf entsprechende raumwissenschaftliche Ansätze, wie sie am Beispiel des Modells Bargel et al. skizziert wurden, zurückgreifen. Der entsprechende Begriff eines sozialisatorisch wirksamen Sozialraumes dient ihnen den Fachkräften wie den Trägerorganisationen in diesen Fällen also als Antwort auf die Frage nach dem Entstehungszusammenhang sozialer Probleme, deren Konsequenzen auf Ebene von Lebenslagen und Lebensführung Soziale Arbeit zu bearbeiten hat oder im gelungenen Fall sogar abmildern kann: "Der pädagogische Raum, sei es jener zwischen AdressatInnen und Professionellen oder der Institution, dient (...) zur Verortung der Problemlösung" (ebd.). Damit ist "Sozialraumorientierung" hier eine vorschnelle Antwort auf die praktisch-methodische Frage der fachlichen Bearbeitung, da mit ihr eine professionelle, also situativ-adäquate Reaktion eher vermieden als ermöglicht wird.

Die Frage ist daher vielmehr, wie unter Berücksichtigung der Einsicht in die Gefahr der Einbindung sozialraumbezogener Strategien und Maßnahmen in die vorherrschende Gouvernementalität einer kleinräumigen "Territorialisierung des Sozialen" (Kessl/Otto 2007), Fachkräfte wie Träger - aber gerade auch Fachpolitik - die bestehenden Interessenlagen und Herrschaftsverhältnisse in den Blick nehmen können, die sich hinter der vermeintlich gemeinsamen Antwort "Sozialraum" verbergen. Diesen Zusammenhang einer gemeinsamen Reflexion zugänglich zu machen und dabei möglicherweise benachteiligende Folgen der jeweils verfolgen Interessenlagen für andere gesellschaftlichen Interessensgruppen mit einzubeziehen, könnte so auch neue Koalitionen einer solidarischen Arbeit am Sozialen und dessen räumlichen Grundlagen eröffnen bzw. eines gesellschaftlichen Kampfes um eine auch räumlich gerechtere Verteilung von Ressourcen.[/p]

Hier sehen wir auch mit Blick auf die bisherigen Widersprüchen-Debatten durchaus Nachholbedarf: Zwar haben wir schon 1992 im Heft 44: "Armut in Frankfurt" lokale Sozialpolitik fokussiert und diesen Strang 1996 u.a. mit dem Heft 60: "Zur Krise der kommunalen Sozialpolitik" noch einmal aufgenommen. Auch fand sich ein Jahr später im Sonderheft 66: "Gesellschaft ohne Klassen? Politik des Sozialen wider Ausgrenzung und Repression" im Teil II. "Politik der Ausgrenzung" ein Beitrag der Gruppe spaceLab mit dem Titel "Macht und Raum - Zu postfordistischen Territorial- und Kontrollstrategien". Dabei ist es sicher gelungen, gemäß unserem Positionspapier "Verteidigen, Kritisieren und Überwinden zugleich! Alternative Sozialpolitik - Gegen Resignation und Wende" (vgl. Heft 11/1984), sich, auch auf lokaler Ebene kritisch mit den Widersprüchen der kompensatorischen, subsidiären, wie auch legitimatorischen Funktion des Sozialstaates auseinanderzusetzen. Und in dieser Tradition steht auch Heft 82: "Raum-Effekte - Politische Strategien und kommunale Programmierung" aus dem Jahr 2001. Zu diesem hatte uns jener Artikel der Gruppe spaceLab veranlasst - vor allem mit seiner Warnung, dass "sozialraumorientierte Aktivierungsstrategien" Gefahr laufen, durch die Aufnötigung von "Entwicklungsprogrammen" räumliche Segregationsprozesse erst ordnungspolitisch zu fixieren. Damals lagen nur wenige analytische Rekonstruktionsversuche vor, was denn die Fragen sind, auf die mit entsprechenden Sozialraum orientierten Konzepten und Strategien geantwortet wird, obwohl andererseits solche sozialraumorientierten, pragmatischen Antworten bereits in verschiedensten Projekten konzipiert und realisiert wurden - wenn auch auf höchst unterschiedliche Arten und Weisen, wie das Editorial vermerkt.

Schon allein durch die Titel wird jedoch deutlich, dass wir mit den Heften und ihren Beiträgen nur teilweise zu dem auf die subsidiäre Funktion zielenden "zweite[n] Strang: Gegen die 'Hilfe-Herrschaft'-Logik - Produzenten-Sozialpolitik" unseres Positionspapieres vorgedrungen sind. Mit diesem haben wir, ausgehend von den Erfahrungen der Arbeiter-Medizin und der Frauenhausarbeit,, versucht, eine Strategie zu entwerfen, wie Betroffene nicht nur die Definitionsmacht darüber wiedererlangen können, was ihre sozialen Probleme sind, sondern auch in die Bedingungen einzugreifen vermögen, die diese Probleme verursachen. Das Heft 65: "Zur Politischen Produktivität von Gemeinwesenarbeit" präsentiert dazu zwar Konzepte und reflektiert auch erste projektstudiumsbezogene Erfahrungen. Ansätze raumbezogener Sozialpolitiken der Produzierenden, in denen diese die Angelegenheiten ihres sozialen Lebens gleichermaßen selbstbestimmt wie solidarisch in die Hand nehmen, kamen dabei jedoch nicht in den Blick.

Ähnlich selbstkritisch äußerte sich die Gruppe spaceLab in ihrer Einleitung zum Schwerpunkt des Heft 78: "Fragmente städtischen Alltags" unter dem Titel "Auf der Suche nach dem Subjekt". So gesteht die Gruppe ein, dass sich die Theoreme der Regulationsschule, mit denen sie bislang explizit oder implizit gearbeitet hatte, gerade was die Frage der handelnden Subjekte anbetraf, als nicht ausreichend erwiesen. Ebenso sei ihre Forderung, angesichts der "Krise der Stadt" ein Verständnis des Sozialen zu entwickeln, das nicht nur als eine "Kultur der Probleme" erscheint, sondern auch als Entfaltungs- und Möglichkeitsraum, eine Leerformel geblieben. Und so sind zumindest in diesem Heft 78 der Widersprüche, das maßgeblich von der Gruppe gestaltet wurde, erste Ansätze deutlich geworden, diese Blindstellen auszugleichen.

Mit unseren beiden Heften zu "Schöner Wohnen?" haben wir dann mit unterschiedlichen Akzenten das Wohnen als gesellschaftliches und politisches Konfliktfeld in den Blick genommen, in dessen Zentrum mehr oder weniger offen das Problem steht, dass die waren- und marktförmige Befriedigung des Grundbedürfnisses "Wohnen" soziale Ungleichheiten nicht nur reproduziert, sondern auch verschärft. Die Beiträge des Heftes 121 mit dem Untertitel "Wohnungspolitik zwischen Markt und sozialer Daseinsvorsorge" fokussieren diesbezüglich einerseits das Zusammenspiel von Marktfunktionen, politischen und sozialgesetzlichen Regelungen, Stadtentwicklungspolitiken, öffentlichen Diskursen und institutionellen Praktiken, die dazu führen, dass es Bevölkerungsgruppen mit schlechten Chancen auf dem Wohnungsmarkt oder gar keinem Zugang zu ihm gibt. Anderseits diskutieren sie die politische Frage, wie über staatliche Aktivitäten, über private Projekte, Eigentumserwerb, oder Genossenschaften eine Dekommodifizierung gelingen kann, die dem Markt möglichst viele Wohnungen entzieht.

Im Heft 127 mit dem Untertitel "Wohnung, Wohnen und soziale Arbeit" haben wir uns dann den sozialpolitischen Implikationen der Veränderungen des Wohnungsmarktes für spezielle Zielgruppen zugewandt und sind der Frage nachgegangen, ob und entsprechend wie der Wohlfahrtsstaat mit seinen Instrumenten auf diesem agieren kann. Dabei haben wir auch die Wohnung als Lebensort sowie Interventionsfeld sozialer Arbeit in ihrer Doppeltheit von Hilfe und Herrschaft in den Blick genommen. Zwar konnte in diesem Zusammenhang auch das Spannungsfeld zwischen öffentlichen Interessen, normativen Vorstellungen der richtigen Lebensführung sowie Unterstützungswünschen und Schutzbedürfnisse von Personen in ihrer Wohnung als grundgesetzlich geschützter Privatsphäre fokussiert werden. Jedoch gelang es in beiden Heften nur bedingt zu einer Analyse der jeweils konkret verfolgten Interessen, von Interessenkonflikten und Koalitionsbildungen vorzudringen, die für die in beiden Heften immer auch mitverfolgte Suche nach (emanzipatorischen) Handlungsmöglichkeiten von professionellen wie nichtprofessionellen, staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren so bedeutsam ist.

Genau an diesem Punkt will das neue Heft einen Schwerpunkt setzen. Unter dem Titel "Sozialraum ist die Antwort. Was war nochmals die Frage?" wollen wir die häufig gerade nicht explizierten heterogenen Interessen analysieren, die in sozialpolitischen, sozialadministrativen und sozialpädagogischen Projekten - mittlerweile aber auch im Bildungssektor - unter der anscheinend gemeinsamen Programmatik einer "Sozialraumorientierung" verfolgt werden. Zugleich wollen wir damit auch "objektive Möglichkeiten" zur Verwirklichung emanzipatorischer Potenziale in entsprechenden Arbeitsbündnissen und gegenhegemonialen politischen Projekten ausloten.

Zu den Beiträgen im Einzelnen

In ihrem Beitrag "Über den emanzipatorisch-utopischen Gehalt von Sozialraumorientierung" verfolgen Matthias Drilling, Patrick Oehler und Olaf Schnur diesen zurück bis hin zum Beginn Sozialer Arbeit in den Settlements, um dann die "Transformation emanzipativer Programmatiken" in der Gemeinwesenarbeit und Alltags- und Lebensweltorientierung nachzuzeichnen. Gegenüber den "utopie- und bewegungslos" geworden aktuellen Debatten um den Sozialraum, entdecken sie im Vergleich der Positionen Jacques Rancière und Benjamin Barber radikal-demokratische bzw. kommunitarische, dystopische bzw. utopische Fragmente, mit denen sie die "festgefahrenen" Debatten in der Sozialen Arbeit zu öffnen beanspruchen.

Sebastian Dirks, Fabian Kessl und Kristina Schulz diskutieren in ihrem Beitrag die Beteiligung einer sozialraumbezogenen Sozialen Arbeit an der (Re)Produktion öffentlicher Ordnung. Ihre Überlegungen basieren auf zwei ethnographischen Fallstudien in zwei bundesdeutschen Großstädten. Hier wurden die alltäglichen räumlichen Praktiken von sozialpädagogischen Fachkräften in Einrichtungen der Sozialen Arbeit untersucht, die in Stadtentwicklungsprogramme eingebunden sind. Die Autor_innen nehmen dabei eine raum(re)produktionstheoretische und praxeologische Perspektive ein. Soziale Arbeit erweist sich auf Basis ihrer Befunde als Akteurin der im Prozess der Herstellung öffentlicher Ordnung.

In seinem Beitrag "Gemeinwesen und Sozialraum im Spannungsfeld von Rechtsextremismus - Gemeinwesenorientierte Beratungsarbeit Mobiler Beratungsteams" zeigt Friedemann Affolderbach, wie die dabei vorgenommene Verortung von Sozialraum und Gemeinwesen als Territorium sich als Selbstbegrenzung und neue Form von "gouvernance" erweist. Zudem zeichnet er nach, wie die in der Beratungsarbeit angelegte antirassistische Politik in Deutungsmustern und ideologischen Grenzziehungen von Rassismus und Kulturalismus gebrochen wird. Vor diesem Hintergrund fordert er, das Lokale als sinnlich-kooperativer Zusammenhang zu denken.

Warum eine der zentralen Antworten auf bildungspolitische Fragen der Aufbau von kommunalen resp. regionalen Bildungslandschaften darstellen soll, fragen Philipp Mattern und Matthias Lindner in ihrem Beitrag. Sie wenden dabei ihren Blick von der auf die Form und Funktion der Figur der Bildungslandschaften, die konzeptionell uneinheitlich bestimmt wird und teilweise auch unbestimmt bleibt. Das Erkenntnisinteresse von Mattern und Lindner gilt also der Frage, was die Prozesse und Herausforderungen sind, die Bildungslandschaften als Antwort so attraktiv machen. Ihre Analyse kann dabei deutlich machen, dass die Figur der Bildungslandschaften passgenau zur Neuprogrammierung und Restrukturierung von Bildung im veränderten wohlfahrtsstaatlichen Kontext ist.

Klaus Engelberty untersucht in seinem Beitrag "Der lange Weg zur Sozialraumorientierung - Unterschiedliche Sichtweisen beim Umstrukturierungsprozess" den Change-Management-Prozess eines regionalen Wohlfahrtsverbandes weg von einer traditionell "versäulenden" Struktur nach Fachgebieten hin zu einer Sozialraumorientierung, die sich auch organisatorisch in der Bildung entsprechender Sozialraumteams niederschlagen soll. Dabei analysiert er nicht nur, wie und mit welchen Strategien verschiedene Akteurskonstellationen ganz unterschiedliche Interessenlagen in diesen Prozess verfolgen. Es werden auch Verbindungen zu in bestimmten Arbeitsfeldern präferierten Methoden Sozialer Arbeit hergestellt und aufgezeigt, wie damit korrespondierende Professionsverständnisse durch den Umsteuerungsprozess auf Sozialraumorientierung in je eigener Weise tangiert werden.

Im Heft 134: "Inklusion - Versprechungen vom Ende der Ausgrenzung" hat Norbert Wohlfahrt in seinem Beitrag "Vom 'Klassenkompromiss' zur klassenlosen Staatsbürgergesellschaft? Zu einigen Widersprüchen einer 'inklusiven' Sozialpolitik" die provozierende These vertreten, dass die systemtheoretische Unterscheidung von Inklusion und Exklusion einen normativen Maßstab und ein normatives Verständnis der Aufgaben Sozialer Arbeit voraussetzt oder impliziert. Darauf, wie auf Wohlfahrts dezidierte Kritik, dass "weder das Bildungswesen noch die Arbeitswelt oder der Zugang zu sozialen Leistungen [...] einem Prinzip von Einschluss oder Ausschluss" folgen, reagiert Albert Scherr im Forum in seiner Replik "Was leisten Sozialpolitik und Soziale Arbeit in wohlfahrtsstaatlich verfassten Nationalgesellschaften?"

Im Heft 134 war auch Bill Hughes mit einer sehr komprimierten Zusammenfassung seiner Theoretisierung der Ausschließung von Behinderung als "Invalidierung" vertreten. Wir hatten damals für das darauf folgende Heft eine Übersetzung seines ausführlicheren Beitrages "Civilising Modernity and the onotological Invalidation of disabled peoble" angekündigt, in der er seine Theorie gestützt auf Norbert Elias Prozess der Zivilisation etwas ausführlicher entfaltet. Leider musste jedoch aus Platzgründen diese Übersetzung noch einmal verschoben werden. Im Forum findet sich nun der erste Teil dieser Übersetzung. Dieser entfaltet Hughes grundlegende These, dass Behinderung bzw. Beeinträchtigung als Produkt des Zivilisationsprozesses gelesen werden kann, und untersucht die "Psychogenese" der Entwicklung des Ableismus als vor allem über Ekelreaktionen erfolgender Ausschluss von Menschen mit Behinderung aus dem 'psychischen Habitus' (Elias) der Moderne. Im Heft 136 folgt dann der zweite Teil, in dem Hughes die "Soziogenese" von Behinderung in der Moderne in den Blick nimmt, indem er die beiden zentralen 'zivilisierenden' gesellschaftlichen Antworten auf Beeinträchtigung - die Eliminierung und die Korrektion bzw. Behandlung - analysiert.

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